pexels-anugrah-lohiya-1583571

No farmer, no future: Die Bauernproteste in Indien

This post is also available in: Englisch

Die anhaltenden Bauernproteste in Indien haben bereits Geschichte geschrieben: Als die größte friedliche Demonstration aller Zeiten vereinen sie 250 Millionen Bauern und Arbeiter im gesamten Land. Über 300.000 Bauern haben inzwischen die Hauptstadt erreicht und trotzen vor Delhi den eisigen Wintertemperaturen, um ihrem Leid eine Stimme zu verleihen. Dennoch scheinen ihre Forderungen nach Gerechtigkeit kein Gehör zu finden. Finde hier mehr darüber heraus, was hinter den Bauernproteste steckt und wie du sie unterstützen kannst.

 

Triggerwarnung: Dieser Artikel über die Bauernproteste greift ebenfalls das Thema Selbstmord auf. Falls du selbst Suizidgedanken hast, wende dich bitte an Hotlines oder psychologische Einrichtungen in deiner Nähe.

 

Hast du von den Bauernprotesten in Indien gehört? Überraschenderweise scheinen sie im Westen nicht viel Beachtung zu finden und ich muss gestehen, selbst erst vor Kurzem durch Social Media davon erfahren zu haben.

Aufbruch des Bauernprotests nach Delhi

Mehr als 300.000 Bauern haben ihre Felder, ihr Zuhause und ihre Familien zurückgelassen, um sich Gehör zu verschaffen. Das Damoklesschwerts an Schulden über ihren Köpfen, lassen sie jetzt ihre Felder zurück, riskieren Lebensunterhalt und Leben auf dem Weg nach Delhi, angetrieben von blanker Verzweiflung. Auf dem Weg stellen sich ihnen Polizisten entgegen mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Tränengas. Sie bewerfen die Landwirte mit Steinen, prügeln mit ihren Stöcken auf ältere Bauern ein. Trotz der Polizeigewalt bleiben die indischen Bauern auch nach vier Monaten des Protests friedlich. Mehr noch: Ganz im Zeichen ihrer Rolle als Ernährer in der Gesellschaft geben sie den Polizisten zu essen, die sie Stunden zuvor brutal angegriffen haben.

 

farmers-protest-ravi-choudhary
Dieses Foto von Ravi Choudhary sorgte in den Social Media für Aufruhr.

Vor der Hauptstadt angekommen, erwartet sie kein besseres Los. Die Straßen um Delhi werden ihr neues Zuhause, der blanke Asphalt ihr Bett. Ohne Schutz vor der eisigen Kälte haben sie nun schon mehrere Wochen in improvisierten Zelten ausgeharrt oder schlafen unter ihren LKWs. Einige sind an Herzinfarkt durch Unterkühlung gestorben. Andere haben angesichts der trostlosen Lage Selbstmord begangen. Doch was genau treibt Hunderttausende dazu, ihr Zuhause trotz solch widriger Umstände aufzugeben?

Durch einen gemeinsamen Freund habe ich Kontakt mit Harinder Singh aufnehmen können. Er ist als Sprecher des Bauernprotests vor Delhi mitten im Geschehen involviert ist. Auch er hat seine Familie und zwei kleinen Kinder zurückgelassen, um von Anfang an am Protest teilzunehmen. “Als ich die Gesetze gelesen und verstanden hatte, wie der Privatsektor und Großkonzerne arbeiten, ist mir klar geworden, dass davon eine große Gefahr für unsere Zukunft ausgeht (…) Also habe ich mich dazu entschlossen, mich dem Protest anzuschließen”, erinnert er sich. Aber auf welche Gefahr bezieht er sich?

No farmer, no food: Warum protestieren die Bauern in Indien?

 

Inmitten der Wirren der Pandemie erließ die indische Regierung im September 2020 hastig drei neue Agrargesetze. Premierminister Modi und seine Hindu-nationalistische, rechtskonservative Partei BJP wollen diese als vorteilhaft für die Bauern verkaufen. Die Argumentation: Die Gesetze sollen die Bauern von der Kontrolle des Staates befreien und einen freien Markt ermöglichen. Allerdings ist das Gegenteil der Fall: Ohne die Preisregulierung durch den Staat anhand eines Mindestpreises (minimum support price, auch MSP) sind die Bauern der Willkür von Agrarkonzernen machtlos ausgesetzt, da sie keinerlei Möglichkeit haben, einen fairen Preis für ihre Ware zu erwirken.

Dabei ist es wichtig sich vor Augen zu führen, dass Landwirtschaft den größten Sektor in Indiens Wirtschaft darstellt. Etwa 126 Millionen Kleinbauern (kisaan) und 70% der Landbevölkerung bestreiten so ihren Lebensunterhalt. Gleichzeitig werden 86% aller bäuerlichen Landeigner als klein oder gering eingestuft, was bedeutet, dass sie über weniger als zwei Hektar verfügen. Diese winzige Anbaufläche stellt die indischen Bauern vor die große Herausforderung, mit dem Ertrag ihre Lebensgrundlage zu sichern.

Landwirtschaft ist in Indien ein risikoreiches Business: Wassermangel, Abhängigkeit vom Monsunregen sowie die erhöhte Unberechenbarkeit des Wetters aufgrund des Klimawandels diktieren das Leben derer, die eine der größten Bevölkerungen der Welt tagtäglich ernähren. Gibt man noch Abhängigkeit von Saatgut und Pestiziden von Agrarkonzernen sowie deren Klagen aufgrund von “Verletzung von Patentrechten” und die daraus resultierende Verschuldung hinzu, ergibt das eine katastrophale Mischung. Viele Bauern haben ihre Ernte für 2023 bereits verpfändet, um dieses Jahr über die Runden zu kommen. Selbstmorde unter Bauern sind erschreckend verbreitet – und nehmen stetig zu: Zwischen 1990 und 2006 haben sich alleine im nordindischen Staat Punjab 90.000 Bauern ihr Leben genommen.

Das so genannte mandi-System stellt für die Landwirte eine der wenigen Sicherheiten dar. Wenn ein Bauer seine Ernte nicht zum gewünschten Preis auf dem Markt verkaufen kann, kann er sich darauf verlassen, dass der Staat diese zum festgelegten Mindestpreis (MSP) abnimmt. So entsteht eine gewisse Preisstabilität.

Harinder erklärt: “Die indische Regierung kauft alles Getreide und Reis durch das APMC (Agriculture Produce Marketing Committee) und das mandi System. Andere Staaten haben das mandi System schon längst abgeschafft; der Staat Bihar etwa 2006. Die Regierung hat das System des Mindestpreises zerstört, was nun zur Folge hat: Im Punjab verkaufen wir noch mit einem Mindestpreis, der letztes Jahr bei 1,980 Rupien lag. In Bihar und anderen Staaten haben die Bauern ihre Ernte allerdings für 900, 1.000 oder 1.100 Rupien verkauft, da es dort kein mandi System mehr gibt. Das ist auch der Grund warum diese drei neuen Gesetze die Bauern in den Staaten Punjab und Haryana direkt betrifft.”

farmers-protest-india-nirmalbir-singh3
farmers-protest-india-nirmalbir-singh4
farmers-protest-india-nirmalbir-singh5

 

Journalist P. Sainath bestätigt, dass der Einfluss der einzelnen Staaten in landwirtschaftlichen Belangen seit den 1990er Jahren immer weiter abgenommen hat, was es Großkonzernen ermöglicht, den Bauern ihre Konditionen aufzuerlegen. Das Produkt Milch fällt etwa nicht unter die Zuständigkeit des APMC. Während die Bauern in Maharashtra im Westen Indiens kürzlich nur mehr 50% des ursprünglichen Kaufpreises erhielten, blieb der Verkaufspreis gleich hoch. Die Großkonzerne machen Gewinn, während die Bauern um ihr Überleben kämpfen und den aufgezwungenen Konditionen machtlos gegenüber stehen. Durch lähmende Verschuldung riskieren die Bauern, ihr Land und somit ihren Lebensunterhalt an Großkonzerne und Milliardäre zu verlieren. Die neuen Gesetze sind also eine Frage von Leben und Tod für Millionen von Indern.

Angriff auf Indiens Demokratie: Willkommen in Absurdistan

 

Aber es geht hier um viel mehr als die Bauern Indiens an Großkonzerne auszuliefern: Ohne Skrupel wird in den neuen Gesetzen den Bauern auch das Grundrecht abgesprochen, bei vertraglichen Streitigkeiten vor Gericht zu ziehen. Wie Journalist P. Sainath unterstreicht, stellt diese einen direkten Angriff auf die Demokratie Indiens dar: “Die Bauern begreifen, dass die Gesetze ihr Bürgerrecht auf ein Verfahren untergraben und unsere Rechte beschneiden. Selbst wenn sie es nicht so sehen oder artikulieren: Sie verteidigen die Grundstruktur unserer Verfassung und der Demokratie selbst.”

 

farmers-protest-india-nirmalbir-singh6
farmers-protest-india-nirmalbir-singh7

Nicht genug, dass die Regierung mit Gewalt vorgeht, um die Bauern davon abzuhalten, ihr Recht auf friedliche Demonstrationen wahrzunehmen: Ihnen werden auch absurde Verfahren angehängt. Beispiel gefällig? Ein junger Demonstrant etwa, der einen Wasserwerfer abdrehte und dafür im Internet gefeiert wurde, erhielt eine Klage wegen versuchten Mordes.

Zudem bezeichnen die Regierung und Medien in Indien die Bauern als “Terroristen”, um sie in der Bevölkerung zu diskreditieren. Sie versuchen den Protest als eine separatistische Bewegung mit Ursprung im Punjab (“Khalistan”) darzustellen, obwohl sich Bauern aus ganz Indien, unabhängig von Glaubensbekenntnis oder politischer Orientierung, zusammengeschlossen haben, um sich gegen diese unheilvolle Gesetzgebung zu wehren. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass hier ein Zusammenhang dazu besteht, dass Punjab aktuell einer der wenigen Staaten ohne eine BJP Regierung ist.

250 Millionen Stimmen stark: Warum hört man so wenig vom Bauernprotest in Indien?

“Die Medien sind die vierte Säule der Demokratie. Ihre Hauptverantwortung ist die der Opposition [zur Regierung]. Aber in Indien arbeiten die Mainstream-Medien für die Regierung”, erklärt Harinder. “Die meisten nationalen Nachrichtensender sind von Konzernen aufgekauft worden. Die Inhaber zweier Großkonzerne, Ambani und Adani, wollen jeden Sektor, jede Organisation übernehmen. Das stellt eine große Gefahr für unsere Demokratie und die Zukunft unseres Landes dar (…) Ambani hat 2014 an einem einzigen Tag einen Deal mit den großen Nachrichtensender geschlossen. Also stellen sie alles gemäß ihrer Vorstellungen in den Medien dar. Am Anfang, als wir nach Delhi aufgebrochen sind, haben sie uns als Terroristen bezeichnet, weil sie nicht wollten, dass sich uns Bauern aus anderen Staaten anschließen. Aber glücklicherweise haben wir durch Social Media aufklären können, dass es sich um einen nationalen Bauernprotest handelt.”

Dennoch sehen sich die Bauern auch mit Widerstand konfrontiert, wenn es darum geht, ihre Botschaft in den sozialen Netzwerken zu verbreiten. Während unseres Gesprächs haben Harinder und ich starke Verbindungsprobleme. “Die Regierung kontrolliert die Netzwerkmasten und Verbindung. Wir haben hier große Probleme mit dem Internet”, erklärt er mir.

Zusätzlich bemerken die Bauern sowie involvierte Aktivisten rund um den Globus, dass sie in den Social Media zensiert werden. Facebook und Instagram Profile der Teilnehmer am Bauernprotest sowie von führenden Journalisten werden gelöscht. Wenn man sich die enge Verbindung zwischen Facebook und Modi vor Augen führt, überrascht das keinen mehr.

Die Hoffnung des Bauernprotests: “Unity in diversity”

Trotz der Bemühung der Medien, die Bauernproteste als eine Sikh- oder Punjab-Agenda zu verteufeln, hat die Empörung über die neuen Gesetze längst weitere Kreise gezogen. “Die Bauern aus dem Punjab haben den Protest gestartet, aber jetzt nehmen alle Staaten daran teil. Jeder Bauer in Indien wünscht sich das APMC und mandi System sowie den gesicherten Mindestpreis”, bestätigt Harinder. Frauen, Dalits, Bauern und Arbeiter aus dem ganzen Land stehen Schulter an Schulter in ihrem Überlebenskampf. Im größten Protest der Weltgeschichte vereint schlossen sich 250 Millionen Personen im Dezember zu einem Generalstreik zusammen (Bharat bandh). Auch die indischen Communities auf der ganzen Welt halten Demonstrationen ab, um mehr Bewusstsein für die Lage in Indien zu schaffen. “Es ist eine große Errungenschaft für uns, seit vier Monaten für die ganze Welt als Vorbild für friedlichen Protests zu gelten”, bekräftigt Harinder.

Unvergleichlich ist auch die Solidarität und das Engagement vor Ort bei den Bauernprotesten: Ältere Teilnehmer reinigen die Straßen vor Delhi, gemäß der Sikh Tradition wird im Rahmen des langar kostenlos Essen verteilt. Die Bauern spenden Blut, haben provisorische Schulen geschaffen, die kostenlos für alle zur Verfügung stehen. Sie verteilen Hygieneartikel an die Frauen innerhalb des Bauernprotests. Die Bauern haben sogar in kürzester Zeit ihre eigene Zeitung auf Hindi und Punjabi ins Leben gerufen, die online auch eine englische Version anbietet. Es bleibt einem nichts anderes übrig als sich voller Bewunderung zu fragen: Wir kann so eine enorme Protestbewegung so außergewöhnlich gut organisiert sein? “Als Sikhs befolgen wir die Regeln von Guru Nanak Dev Ji. Er zeigt uns quasi, wie wir friedlich protestieren können”, erklärt Harinder. “Die Anerkennung gebührt also ihm.”

Aber wie lange werden die Bauern diese positive Stimmung aufrechterhalten können? “Wir wissen, dass es sich um einen langatmigen Kampf handelt, da wir unsere Regierung kennen. Das ist von äußerster Bedeutung für uns”, sagt Harinder. “Wir erwarten, dass der Protest mindestens sechs Monate anhalten wird.”

Der Kampf ist noch nicht gewonnen. Bisher haben die Verhandlungen mit der Regierung noch nicht die gewünschten Resultate gebracht. Je länger der Protest andauert, desto deutlicher wird, dass Modi und seine rechtskonservative, Hindu-nationalistische Regierung keinen Wert auf die Bürger Indiens oder deren Leben legen. Sie plündern das Land und seine Bewohner im Sinne der Großkonzerne, bringen kritische Stimmen zum verstummen und höhlen das Rechtssystem immer weiter aus. Mit Harinders Worten: “Die Demokratie in Indien ist komplett zusammengebrochen. Wir brauchen jetzt internationale Unterstützung.”

farmers-protest-india-nirmalbir-singh12

Was kannst du tun, um die Bauernproteste in Indien zu unterstützen?

Die beste Strategie, um die Bauern in Indien bei ihrem Protest zu unterstützen, ist, mehr Aufmerksamkeit und Bewusstsein für ihren Widerstand zu schaffen.

Was du tun kannst:

 •    Informiere dich und bleib auf dem neuesten Stand bezüglich der Bauernproteste. Du kannst z.B. diesen Accounts folgen:
    ◦    Trolley Times Official
    ◦    Kisaani.co

    ◦    The Wire


 •   Schaffe mehr Bewusstsein, indem du darüber sprichst. Falls deine Reichweite eingeschränkt wird, verwende keine der gängigen Hashtags. 

 •    Da es sich um eine Grassroots-Bewegung handelt, gibt es kein allgemeines Spendenkonto. Wenn du spenden willst, kannst du dich an diverse lokale Organisationen oder KhalsaAid wenden. 

 •    Finde heraus, ob es in deiner Nähe Demos zur Unterstützung der Bauernproteste gibt und nimm teil, sofern die Covid-Bestimmungen in deiner Gegend es erlauben.
 •    Unterschreibe die Petition auf change.org.
 •    Boykottiere staatsnahe, monopolisierte Medienhäuser wie Godi Media sowie Produkte und Marken der Milliardäre Adani und Ambani.

 

farmers-protest-india-nirmalbir-singh13

Worte: Mia Schlichtling
Bilder: Nirmalbir Singh, Covervild von Anugrah Lohiya (via Pexels), Pressefoto von Ravi Choudhary

 

 

Meine tiefste Dankbarkeit an Harinder Singh dafür, dass er seine Eindrücke mit mir geteilt hat. Danke auch an Nirmalbir Singh, der mir freundlicherweise erlaubt hat, seine Bilder der Bauernproteste für diesen Artikel zu verwenden.
Vielen Dank für die Unterstützung an Mahi, Pranav und Daryan.

Und danke auch an dich, lieber Leser, für dein Interesse! Fehlen aus deiner Sicht noch wichtige Informationen? Lass es mich in den Kommentaren wissen!

Add a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *