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Ungefiltert: Ein Gespräch mit Oliver Goetz, Wiens Experten für Kaffee

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Die Stadt Wien ist weltweit für ihre Kaffeehäuser bekannt – aber nicht zwingend für ihren Kaffee. Die UNESCO hat das kulturelle Erbe des Wiener Kaffeehauses anerkannt, einen Ort an dem bis zum heutigen Tag „Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht“ – dennoch wurden diese Zentren der österreichischen Kultur nicht vorrangig für guten Kaffee besucht, damals genauso wie heute. Aber hat Wiens Kaffeeszene wirklich nicht mehr zu bieten als das Kaffeehaus? Wir haben mit einer Schlüsselfigur der Wiener Kaffeeszene, Oliver Goetz von Alt Wien Kaffee, gesprochen, um direkt in die dunkle, überaus verführerische Materie namens Kaffee einzutauchen.

teller-story: Oliver, du bist vor zwölf Jahren als Quereinsteiger zum Kaffee gekommen, nämlich als begeisterter Kunde von Alt Wien Kaffee. Heute bist du einer der Inhaber. Was hast du gebraucht, um heute an diesen Punkt zu kommen, und was würdest du anderen Quereinsteigern raten?

Oliver Goetz: Das wichtigste ist, offen zu sein. Ich erinnere mich, ich war mal in Japan zu Gast bei einem traditionellen Hersteller von Zen-Bögen. Der Sohn hat seinem Vater die ersten 15 Jahre nur zugeschaut, er hat nichts angreifen dürfen. Der Vergleich scheint vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ich denke, man muss sich einmal in allen Bereichen orientieren. Man muss viel sehen, man muss viel kosten an Kaffee und viel lesen.Es kommt auch immer darauf an: Was will ich vom Kaffee? In welchem Bereich sehe ich mich? Bin ich Röster, Produzent, Verkäufer, Barista? Danach richtet sich das dann. Aber das wichtigste ist der Erwerb von Wissen ohne Vorurteile. Das schlimmste ist, wenn man meint, schon alles zu wissen.

teller-story: Du hast da einen sehr guten Punkt angesprochen: Dass man selber auch seinen Platz finden muss in der Kaffeewelt. Wo siehst du dich selber? Ich nehme an, du hast da auch selbst eine große  Entwicklung durchlebt.

Oliver Goetz: Ja, sicher. Ich habe zuerst einmal alles kennengelernt, von meinem Partner Christian Schrödl gelernt, Kaffee gemacht, dann sehr bald auch angefangen zu rösten. Kaffee kann so vieles sein. Wir haben alles von Arabica, Robusta, sogar Liberica, von allen Zertifizierungen, von allen Ausbaustufen, vom Processing, also von naturals (*die Kaffeekirsche wird getrocknet, um die Bohne vom Fruchtfleisch zu entfernen) bis zu honeys (*halbtrockene Aufbereitung, bei der die Bohne samt Pergamenthaut und der Mucilage, einer dünnen Schicht Fruchtschleim, getrocknet wird) bis zu ganz schrägen anaeroben Fermentationen (*Trocknung, bei der Sauerstoff entzogen wird). Ich kann ja nur für mich sprechen: Ich sehe mich als Röster. 95 Prozent unserer Kaffees sind trockene, schokoladige Kaffees, die sich etwas mehr für Espressos eignen, weil es der Kunde verlangt. Aber wir haben auch gesehen, dass die anderen Extreme gut funktionieren, und darum haben wir vor zwei Jahren begonnen, genau zu fokussieren: Das ist eine Filterröstung. Das ist jetzt für Espresso gemacht. Dieser ist zum Beispiel für den Ibrik, also für die türkische Zubereitung, der ist wieder super für Cold Brew...

teller-story: Heißt das, ihr geht von der Zubereitungsmethode aus und liefert dann den passenden Kaffee dazu?

Oliver Goetz: Ich würde es nicht so sehr darauf aufhängen. In den Bereichen, die wir haben, versuchen wir uns zu spezialisieren, damit wirklich jeder Kaffee am Punkt ist. Das ist etwas, das man oft so dahin sagt, aber wenn du das in unserem Ausmaß machst, brauchst du sehr viel Forschungstätigkeit, du musst viel testen.

teller-story: Was ist für dich als Kaffeeröster die größte Herausforderung?

Oliver Goetz: Das Wichtigste als Kaffeeproduzent ist der Schritt zurück: Nicht dem Kunden einzureden, was man selber mag, sondern ihn zu befragen und ihm zuzuhören. Das ist sehr schwierig und sehr oft gibt der Kunde eine unkorrekte Auskunft. Viele Kunden fragen nach einem milden Kaffee, meinen damit aber die kräftigsten Kaffees, die wir haben, Robusta. Robustas haben weniger Fruchtsäure, sie sind trockener, gerader und unaufgeregter im Geschmack und das wird als mild interpretiert. Aber wenn ich nach dem Koffeingehalt gehe, dann ist das definitiv nicht milder, sondern das Gegenteil.

teller-story: Also gibt es eine Diskrepanz zwischen der chemischen Zusammensetzung und der sensoriellen Wahrnehmung beim Kaffee. Was den Geschmack betrifft: Wie experimentierfreudig sind deiner Meinung nach die Kunden jetzt speziell in Wien, einer traditionellen Kaffeestadt?

Oliver Goetz: Das hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Jetzt kommen immer mehr ältere Herrschaften, bei denen man sich sicher ist, welche Richtung sie wollen, und fragen nach etwas Fruchtigem. Etwas jüngere, urbane Leute, die machen das sofort. Auch hier gibt es ganz klare Präferenzen. Du brauchst aber nicht denken, nur weil jemand jung ist, mag er eine bestimmte Sorte Kaffee. Aber das wichtige ist, einen Schritt zurückzutreten, damit der Kunde einen Kaffee bekommt, der den Beschreibungen entspricht und wenn er den zuhause macht so schmeckt, dass er wiederkommt. Das versuchen wir zu geben.

teller-story: Also versucht ihr nicht, den Kunden in eine gewisse Richtung zu drängen.

Oliver Goetz: Du musst dir das so vorstellen: Wir haben unseren Bauchladen und der steckt natürlich voller Erfahrung, was dem Kunden schmeckt. Und dann sagen wir: “Schauens, des haben wir”. Unser USP ist, dass wir inzwischen eine kritische Größe erreicht haben, bei der wir uns das leisten können, etwa einen Liberica zu führen. Wenn du jetzt nur eine ganz kleine Produktion hättest und du hättest 40 Sorten, wird der Kaffee im Regal alt. Das ist bei uns nicht so, weil wir auch die Chargen klein halten.

teller-story: Man hört sehr oft: “Warum ist in den Wiener Kaffeehäusern der Kaffee so schlecht?” Wie siehst du als Experte das: Ist Wien eher eine Kaffeehausstadt oder eine Kaffeestadt?

Oliver Goetz: Wir sagen seit Jahren, dass bei uns in Wien der Fokus mehr auf dem Architektonischen liegt als auf dem Kaffee. Auch das ist einem Wandel unterworfen. Das Problem liegt auch im Service. Die Leute sind nicht ausgebildet, bilden sich selber nicht aus. Etwa die Hälfte vom Kaffee, der am Tisch steht, ist die Zubereitung. Man kann aus mäßigem Kaffee, wenn man sich wirklich bemüht, einen halbwegs trinkbaren machen, man kann auch aus Spitzenkaffee einen grausligen machen. Da ist sehr viel an der Maschine gefordert, vor allem Sauberkeit und Sorgfalt. Wien ist natürlich nicht anders als andere Städte in dem, dass sehr viel sehr oft in der Zubereitung nicht gut oder unsauber gearbeitet wird, dass sich niemand auskennt oder die Zeit hat, wobei es nicht lange dauert, wenn man sich dafür interessiert.
Oft ist es auch so, dass schlechter Kaffee als guter Kaffee interpretiert wird. Wenn ich seit zehn Jahren im selben Beisl meinen Kaffee trinke, wo die Maschine nie geputzt worden ist, dann bin ich an den Geschmack gewöhnt. Wenn die Maschine dann geputzt wird, schmeckt mir der Kaffee nicht mehr. Das bieten wir unseren Kunden, wir bilden sie aus. Wir versuchen da ein bisschen dagegen zu kämpfen. Allgemein ist es so, dass wir sehr viele Touristen in Wien haben, und man in den Touristen-Kaffeehäusern auch sehen muss, dass die teilweise drei Stunden sitzen bei einem Kaffee. Dann meinen sie, dass sie den Gewinn maximieren müssen, so wenig wie möglich für alles ausgeben. Da ist gezwungenermaßen der Kaffee, den sie kaufen, sehr günstig und das schmeckt dann auch nicht unbedingt gut. Das ist die Ratte, die sich in den Schwanz beißt. Es gibt aber in Wien einige coffee shops, die auf höchstem Niveau arbeiten, die das Gegenstück dazu sind.



teller-story: Gibt es dann trotzdem so etwas wie eine Handschrift, eine gewisse Ästhetik für den neuen Kaffee in Wien?



Oliver Goetz: Ich würde nicht sagen, dass es den neuen Wiener Kaffee gibt. Man kann es unterscheiden in den modernen Kaffee: Kaffeeproduktion, die den Kaffee in den Vordergrund stellt, gibt es überall, in Mailand, Rom, London, Oslo. Es ist auch die junge Wiener Szene um keinen Deut anders als in Stockholm.Ich weiß auch nicht, ob es früher in der Zeit vor der third wave, in der first und second wave, die ja eigentlich eh die Urzeit der Kaffeeszene war, durchgängig in Wien eine Röstart gegeben hat. Wie es früher war, das werden wir nie wissen, und wie der Kaffee vor 100 Jahren war, das möchte ich gar nicht wissen. Da gab es kein Processing, fast keine Qualitätskontrolle. Die haben den Kaffee angebaut und die Säcke geschickt. Das war dann monatelang mit einem Segelschiff unterwegs – ich will nicht wissen, wie der Kaffee geschmeckt hat. Er war sicher wesentlich bitterer und anspannender.

teller-story: Was spielt für dich eine Rolle beim Kaffee, damit er gut wird?

Oliver Goetz: Damit der Kaffee für die von uns gesetzten Parameter passt, haben wir ein Geschmacksprofil. Was heißt das jetzt für mich? Dass das, was wir ausloben, wir den Kunden durch unsere Beschreibungen versuchen mitzuteilen, stimmt. Natürlich könnte ich auch auf 50 Sorten schreiben: Riecht nach Kaffee, schmeckt nach Kaffee. Aber es ist dann schwierig für den Kunden – denn jeder Kaffee hat Nuancen – eine Entscheidung zu treffen. Auch ein 100% Robusta, der staubtrocken und sehr cremig-intensiv ist, muss passen. Der kann nicht plötzlich Säure haben und umgekehrt kann nicht ein fruchtiger Filterkaffee plötzlich staubtrocken sein und Kartonaromen haben, weil er schon so alt ist. Das sind die Anforderungen an unsere Palette. Wenn du jetzt fragst, welche Anforderungen ich an den Kaffee habe, wenn ich ihn kaufe, da kommt es darauf an, was wir wollen. Machen wir einen neuen Filterkaffee? Okay, was gibt es gerade? Was sind die frischen Ernten? Wenn die Muster kommen, machen wir Verkostungen. Manchmal sogar 150 Kaffees in drei Tagen. Wenn nicht gerade irgendein Lockdown ist, dann fangen wir die anderen Röster zusammen und die werden dann gecuppt, wenn es Filterkaffees sind, und bewertet.

teller-story: Spannend! Das klingt so als ob du ein Übersetzer für den Kaffee bist und da zwei Welten existieren: Die Welt der Experten und die der Konsumenten.

Oliver Goetz: Ja. Und die Expertenwelt ist schön, aber die nützt uns nichts, wenn wir überleben wollen. Die brauchen wir, die steht dahinter, nur die versuchen wir nicht groß rauszukehren. Die meisten Leute wollen einen guten Kaffee ohne Kopfzerbrechen.

teller-story: Vielleicht fehlt dem Konsumenten auch das Vokabular.

Oliver Goetz: Die Leute können sich immer besser artikulieren, weil sie auch bei uns die Vielfalt gewohnt sind. Wenn sie mal fünf Sorten durchprobiert haben, sagen sie sofort: “Na, der war mir zu weich, zu heftig, zu geröstet”. Das Vokabular ist nur Übung.

teller-story: Wenn ich an die verschiedenen Schritte denke, die einen Kaffee entstehen lassen, kommt mir der Anbau natürlich als erstes in den Sinn. Die Höhenlage, klimatischen Voraussetzungen, aber auch die Ernte, Lagerung und so weiter, das man allgemein als Terroir kennt. Der nächste Schritt ist dann das Rösten. So wie ich mir das vorstelle, gibt es bestimmte Grundvoraussetzungen in der Kaffeebohne, idealerweise eine ganze Palette an Aromen, und dein Job ist es dann zu entscheiden, welche dieser Farben du hervorheben möchtest. Also gilt es als erstes zu bestimmen: Welcher und wieviel Geschmack ist chemisch vorhanden?

Oliver Goetz: So ist das. Wir machen dann Teströstungen, sample roasts, und tasten uns heran. Wir wissen ungefähr in welche Richtung es gehen soll  und natürlich kann man mit Hitze und Dauer der Röstung genau steuern. Aber es gibt keine zwei gleichen Röstungen. Jeder roast ist anders. Man kann versuchen, die vorherige Röstung so gut wie möglich nachzumachen, aber manchmal gelingt es nicht. Aber man kann als Röster sehr viel da herausarbeiten, wenn das gewünscht ist.

teller-story: Seit Covid-19 stehen regionale Produkte beim Konsumenten stärker im Fokus. Beim Kaffee, einem Produkt, das in der Kolonialzeit über die ganze Welt verteilt und kultiviert wurde, ist das natürlich sehr schwer, in unseren Breitengraden von Regionalität beim Anbau zu sprechen. In Europa ist außer dem Know-How des Rösters kaum Regionalität gegeben.

Oliver Goetz: Regional würde ich übersetzen als “kleinteiligere Produktion mit frischerem Endprodukt, hochwertigeren Bohnen”. Im Allgemeinen bin ich der Meinung, dass man das schon als Konsument sehr stark auf die Zertifizierung achten kann. Das sind auch oft nur schöne Namen, aber es gibt auch Zertifizierungen, die wirklich einen Sinn machen, Demeter zum Beispiel, ist wirklich eine sehr strenge Bio Zertifizierung, die wir nach wie vor als einzige in Österreich haben. Da kann man dann schon sagen: Mir ist das jetzt wert, dass Kaffee nicht das Kolonialprodukt bleibt, das es noch immer ist. Die Leute, die den Kaffee anbauen, fahren noch alle keinen Bugatti. Es ist noch immer eine wirklich harte Arbeit, die sehr schlecht bezahlt wird. Auch hier wäre meine Ansicht, nicht nur mehr für den Kaffee zu zahlen, sondern auch darauf zu achten, wer ihn produziert. Wer steckt dahinter? Ist es ein Industriegigant oder jemand, der sich jeden Tag hinstellt und überlegt “Wie röste ich meine Bohnen? Wie treffe ich den Geschmack meiner Kunden?” Und da ist ganz klar, wo es meiner Meinung nach hingehen muss.

teller-story: Kaffee ist ja wirklich auch ein stark industrialisiertes, genormtes Produkt, das wir eher unbedacht im Laufe des Tages konsumieren. Man trifft sich auf einen Kaffee, das Getränk ist dabei aber eigentlich sekundär, weil das Soziale im Vordergrund steht. Bei dir spielt ja auch das Terroir eine große Rolle. Ist das etwas, das den Konsumenten deiner Meinung nach immer mehr bewusst wird und dem Kaffee eine Wertigkeit zuspricht?

Oliver Goetz: Im kleinen Bereich wird das sehr geschätzt und auch bezahlt. Der Massenmarkt ist nicht dort, sondern da ist Kaffee ein Convenience-Produkt, das verschiedene Faktoren hat wie etwa der Koffein-Kick, ein warmes Getränk oder wie etwa ein angenehmer, gewohnter Geschmack, der beruhigt, lustigerweise.
Aber ich denke schon, dass es eine interessante Richtung ist und die Szene, wie man so schön sagt, hat sich prächtig entwickelt. Wir werden man schauen, ob das tragfähig ist. Das wäre schön. Beim Wein hat es sich so entwickelt. Vor 20, 30 Jahren hat man noch von „weiß“ und „rot“ geredet auf dem Massenmarkt. Das hat sich jetzt sehr stark geändert mit den natural, nude oder orange wine. Das ist noch nicht im Massenmarkt angekommen, aber es ist ein schöner und sehr wichtiger Teil des Weins genauso wie Specialty Coffee, der nämlich der Teil der Kaffeeszene ist, der viele Innovationen antriebt, sowohl beim Anbau, wie auch bei uns bei den Röstern, den Produzenten.

teller-story: Hast du dafür ein paar Beispiele?

Oliver Goetz: Seit die Röster oder Barista haben entdeckt, dass Kaffee nach etwas schmecken kann, wollen sie diesen Geschmack umso mehr und melden zurück an die Produzenten: “Wie bereitest du den Kaffee auf? Aha, der wird im Fruchtschleim getrocknet, aha, du machst da einen honey daraus. Wie oft wendest du die Bohnen beim Trocknen?”

teller-story: Also gibt es hier einen Austausch zwischen Kaffeeröstern und Produzenten.

Oliver Goetz: Genau, aber nur in diesem winzigen Segment. Gemessen am commercial coffee, der weit über 90% dessen ausmacht, was jeden Tag konsumiert wird, ist das nichts, aber das ist der Innovationstreiber.

teller-story: Eine weitere Besonderheit beim Specialty Coffee ist ja auch, dass er an einem Punkt ausverkauft ist. Das passiert bei der industriellen Produktion nicht, denn da kann man dieselben Marken oder Tabs immer nachkaufen. Für den Konsumenten ist das eine neue Erfahrung, vom immer Verfügbaren, immer Gleichen einen Schritt wegzugehen. Ich kann mir vorstellen, dass das auch eine gewisse Wertschätzung mit sich bringt.

Oliver Goetz: Das liegt auch an der Saisonalität des Kaffees. Die Ernte ist nicht heute und morgen, sondern kann über Monate gehen oder zwei Mal im Jahr stattfinden. Kaffee ist ein Naturprodukt und ändert sich. Dadurch kann es auch mal sein, dass er anders schmeckt, oder nicht mehr verfügbar oder ausverkauft ist. Das ist halt der nächste Schritt, wegzugehen von Kaffee als der Kaffee und wieder hinzugehen zu den Sorten, verschiedenen Untereinteilungen und Spezialisierungen. Der Grund, warum die großen Kaffeeunternehmen für ihre Blends sehr viele verschiedene Kaffeesorten mischen, ist, dass wenn einer nicht verfügbar ist, sie das relativ leicht ersetzen können, ohne dass es den Kaffee zusammenhaut. Aber wenn du 30 Prozent von einem Blend ersetzen musst ist das schwer. Das ist das Geheimnis hinter der industrialisierten Produktion und das gilt für Kaffee wie für Whisky.

teller-story: Merkst du eigentlich schon Auswirkungen des Klimawandels auf den Kaffee und wie diese den Anbau beeinflussen?

Oliver Goetz: Gewisse Sorten gibt es jetzt nicht mehr, weil sie aufgrund unterschiedlichster Faktoren wie Schädlingsbefall eingegangen sind. Das ist auch auf den Klimawandel zurückzuführen, weil es wärmer wird und diese Schädlinge dann besser gedeihen. Aber auch Unwetter und Erdrutsche, die Farmen zerstören, hat es gegeben und wird es auch vermehrt und viel stärker geben in der nächsten Zeit.
Da ist Robusta sicher die krisenhärtere Sorte und man kann das Produkt nicht nur weil es früher verteufelt wurde weiterhin verteufeln, sondern man muss sich genau anschauen. Es gibt da auch ganz interessante Kaffees, bei denen man nicht sofort erkennen würde, dass es sich um Robusta handelt. Das ist vielleicht die Zukunft, dass Robusta als solches ein Comeback machen wird. Es wird nie Arabica sein, aber es wird sicher nicht das Stiefkind, das in der Ecke steht, sein. Wenn es nach unseren Kunden bei Blindverkostungen geht, ist Robusta sehr beliebt. Wenn er gut geröstet ist, hat man einen sehr trockenen Kaffee, der unaufgeregt ist, teilweise wuchtig, kräftig daherkommt, vollmundig, so cremig, was die Leute so irrsinnig gern haben. Wir haben sogar eine 100% Robusta Mischung im Lockdown auf den Markt gegeben, die sehr oft ausverkauft ist, weil es den Leuten taugt.

teller-story: Ich war überrascht zu hören, dass viele Personen aus typischen Kaffeeanbauländern diesen nicht wirklich trinken und Kaffee als Produkt dann erst im Ausland für sich entdecken.

Oliver Goetz: In den ganzen großen Ländern war das so, das hat sich jetzt in den letzten Jahren viel verändert. Vor fünf bis zehn Jahren war Brasilien in der Hinsicht Ödland. Da hat es so wenig Coffee shops gegeben, die man wirklich so hätte bezeichnen können, und das ist erst in den letzten Jahren so entstanden.

 

teller-story: Wie kommt denn der Kaffee zu euch? Ihr könnt ja nicht immer direkt zum Bauern reisen, nehme ich an.

Oliver Goetz: Der Kaffee wird über Großhändler nach Europa gebracht und wir bestellen dann von ihnen. Manchmal importieren wir auch direkt vom Produzenten. Das sind dann kleine Mengen, die aber mit sehr viel Logistik verbunden sind. Das kostet uns viel mehr Zeit und Geld, bringt aber auch sehr viel Risiko. Man hat die Zwischenhändler immer verteufelt, aber es ist immer sehr löblich, wenn sich viele Röster zusammenschließen wie etwa bei Roasters United. Es muss auch praktikabel sein und für uns ist es gut, da wir so viele Sorten führen, sonst müssten wir mit vielen Produzenten direct trade betreiben, was unmöglich ist. Es gibt auch direct trade Spezialitätenhändler wie Eli von Coffee Quest, die haben Spitzenkaffees, die alle weggegangen sind wie die warmen Semmeln. Deren Aufgabe ist es, in die Länder zu fahren, zu schauen, dass da mehr geht, dass sie noch besser werden im Processing, auch vor Ort mitzuhelfen, da gibt es ganze Programme, wie sie das abwickeln. Dieses Vorurteil von bösen Zwischenhändlern, das ist ein Schwachsinn, das kann man so nicht verallgemeinern. Der Zwischenhändler ist sehr wichtig: Er gibt das Feedback, kann bei der Entwicklung helfen, kommt dann mit seinem Bauchladen zu uns her und wir geben das dann in unseren Bauchladen.

teller-story: Beim Rösten stelle ich mir das so vor, dass man oben die Bohnen einfüllt und die Maschine anschaltet, aber dann eigentlich nichts mehr einstellen oder ändern kann.

Oliver Goetz: Man kann beim Rösten je nach Röstmaschine noch nachjustieren, wie etwa Gas, also Intensität der Hitzezufuhr, Drum Speed oder Airflow. Ansonsten solltest du dann vereinfacht gesagt kontinuierlich mit dem Grad der Temperatursteigerung, also mit dem Gas runter gehen und am Computer deine Kurven verfolgen.

teller-story: Also stellst die die Temperatur während der Röstung um?

Oliver Goetz: Sicher, aber du musst die Dynamics des Roasts etablieren. Wenn du das nicht tust, kannst du es nachher nicht mehr einholen. Ansonsten solltest du dann kontinuierlich mit der Temperatur runter gehen und dir deine Kurven anzeigen lassen. Wir haben hunderte Kurven von verschiedenen Röstungen, die wir vergleichen, sensorisch evaluieren und dann dementsprechend die nächsten Röstungen planen. Da gibt es auch einiges an Literatur, die sehr genau auf diese verschiedenen Röstkurven und den Geschmack Bezug nimmt. Letztlich kommt es beim Rösten auf eine ganze Reihe an Faktoren an: auf die Art des Kaffees und die gewünschte Zubereitung, also etwa Filter oder Espresso, auf das Alter der grünen Kaffeebohnen, die Aufbereitung, die Feuchtigkeit und Wasseraktivität, die Bohnengröße, die Bohnendichte, die Höhe in der er gewachsen ist, das Mikroklima, den Transport, wurde er in Plastiksäcken vakuumiert oder in Jutesäcken transportiert, wie wurde er gelagert – all das spielt eine Rolle. Das Rösten ist keine genaue Wissenschaft, du musst wissen, was du tust, sehr viel probiert haben und dich mit der Materie beschäftigt haben. Dann wird das auch was Gutes.

teller-story: Und wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?

Oliver Goetz: Meine Zukunft ist es einfach, dass es coole Kaffees gibt. In weiterer Folge wären Schulungen für Kunden interessant, aber das ist nicht mein Hauptziel. Mein Ziel ist, super Kaffees zu produzieren, das wird sich nicht ändern.

 

Text: Mia Schlichtling
Bilder: Johnny What Photography

Besonderer Dank an dieser Stelle an Elisabeth Volant, Jessica Thompson und Jessika H. Sosa für ihre Empfehlungen bei der Recherche und an Erik Pratsch für die Lektüre!

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