Bühnentier for teller-story by Johnny What Photography titel

Schwein oder nicht Schwein?

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Mehr als from nose to tail: Künstler Johannes Rass durchläuft mit seinem Projekt “Bühnentier” sämtliche Schritte der Inkarnation, der buchstäblichen Fleisch-Werdung, eines Schweins. Wir haben ihn zusammen mit Regisseur Daniel Leskowscheck bei der Rekonstruktion eines Gedankenkonstrukts begleitet, um uns in dieser Selbsterfahrung der Frage zu stellen: Können wir unserem Essen überhaupt noch ins Gesicht sehen? 

Disclaimer: Die nachfolgenden Schilderungen samt Bildmaterial zeigen eine Schlachtung sowie das Ausnehmen, Zubereiten und erneute Zusammensetzen eines Schweins in aller Deutlichkeit. Sie können auf manche Leser verstörend wirken. Wir wollen denen, die hinschauen möchten, eine Möglichkeit dazu bieten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, so wie wir es erlebt haben. Eine gewisse subjektive Färbung der Narrative können wir nicht ausschließen. Das gesamte Schwein wurde im Rahmen des Projekts verarbeitet und verzehrt. 

1. Akt: Under deconstruction

Es ist ein überraschend kühler Maivormittag. Die Luft hat sich mit der Frische des nächtlichen Regens vollgesogen. Der lehmige Boden klebt schmatzend an unseren Schuhsohlen. Nach einer kurzen Fahrt befinden wir uns im Wiener Speckgürtel. Oliver Geißbüchlers Bauernhof liegt auf einem Hügel. Die Landschaft ringsherum strotzt vor frühlingshaftem, sattem Grün soweit das Auge reicht. Vereinzelte Vögel zwitschern, versteckt in laubigen Baumwipfeln. Ich atme die feuchte Luft tief ein. Es ist soweit: Wir sind heute mit Künstler Johannes Rass, Regisseur Daniel Leskowscheck und seinem Kamerateam hier, um den Tod eines Tieres zu erleben.

1. Akt, 1. Szene: Das Ende

Stalltür auf. Auftritt Schwein.

Neugierig bebt die Schnauze, aufgeweckte Augen. Unschuldig sieht es aus. Der Prototyp eines jungen Schweins: Hellrosa, sauber. Oliver tritt hinter ihm ins Freie, in den sanften Nieselregen. Fotograf Johnny und ich haben darum gebeten, ihn begleiten zu können. Oder eher das Schwein auf seinem letzten Weg. Oliver hat seine Hand über dem hinteren Rücken des Tiers, stupst es rhythmisch mit den Fingerspitzen an. Das Schwein läuft komplett frei vor ihm. “Es ist entspannt”, versichert Oliver uns. So sehr, dass es kurz stehen bleibt, um an einigen Gräsern in der Auffahrt zu knabbern. Wir bleiben etwas im Hintergrund, folgen dem Ringelschwänzchen vor uns, um es nicht zu verstören, halten Abstand, während es die letzte Kurve des Hügels zum Schlachtraum vor Oliver hochtrottet. Am Kamerateam vorbei, ohne der regungslosen Crew unter den aufgespannten Regenschirmen besondere Beachtung zu schenken. Jetzt steht es im Eingang des Schlachtraums, schnuppert. Ob es riecht, dass hier vor wenigen Minuten noch ein anderes Tier lag, starb? Es schnuppert weiter, zeigt keine Reaktion. Oliver geht zur Seite, nimmt eine Greifzange, die wie eine Heckenschere aussieht. Der Moment ist gekommen. ”Da ist ganz schön viel Leben drin. Das dauert, bis es das Tier verlässt”, hallen mir Johannes Worte von der Hinfahrt noch nach. 

Das Schwein hebt kurz den Blick, da packt Oliver es schon mit der Zange am Kopf. Es wird sofort stocksteif, kippt wie in Zeitlupe zur Seite, während es die Beine noch angespannt mit seltsam-adliger Eleganz von sich reckt. Man sieht wie der Strom im Körper Wellen schlägt. Wie ein Orgasmus, denke ich und wundere mich zugleich über die Assoziation. Ob es wohl deswegen la petite morte, der kleine Tod, heißt?

Das Schwein zuckt nicht, jede Faser des Körpers ist angespannt. Die Augen glühen mich rubinrot an. Oder täusche ich mich? Ich halte die Luft an. Die Gliedmaßen verlieren jetzt an Starre, die Beine schweifen langsam Richtung Boden. Sanft lässt Oliver das betäubte Tier zu Boden, legt die Zange beiseite. Erst jetzt beginnt es zu zucken, die Ohren zittern, eine Vorderpfote scharrt in der Luft, eine hintere tritt aus. Es sieht so aus als ob es loslaufen würde, schnaubt laut. Alle Körperteile sind jetzt in Bewegung, unkoordiniert und tollpatschig als handle es sich dabei um einen Wackeldackel.

Oliver steht wieder neben dem betäubten Schwein, er hält ein Messer. In einer Bewegung schneidet er die Halsschlagader durch, hält dabei den Vorderlauf und schiebt gleich einen kleinen Kübel darunter, um das dunkle Blut darin aufzufangen. Das Schwein grunzt und zuckt nochmal. Höre ich da etwa einen Bach? Ein kurzer Moment der Verwirrung bevor ich realisiere, dass das Blut glucksend und im rauschenden Schwall im Eimer landet. Scheinbar getaktet vom ewigen Metronom des Vogelgezwitschers hebt und senkt Oliver den Vorderlauf des Schweins, pumpt damit das schwarze Blut aus der Schnittwunde am Hals. Das Schwein ist jetzt ruhig.

 

Erst jetzt merke ich, dass ich Johnnys Ellbogen die ganze Zeit über gehalten habe. Um ihn beim Fotografieren zu stützen? Oder doch eher mich selbst? Sein Blick ist fragend, ich nicke. Wir sind noch still. Das Ganze hat keine fünf Minuten gedauert. 

Vorhang fällt.

 

1. Akt, 2. Szene: Der mit dem Schwein tanzt

 Vorhang auf. Wir befinden uns im hinteren Bereich des Schlachtraums. Das Licht ist diffus. 

Die Vorderbeine pietätsvoll übereinandergeschlagen, liegt das Schwein rücklings in einem metallenen Trog. Milchiger Dampf steigt von diesem grauen Sarg auf, während Oliver den hellen Körper mit kochend heißem Wasser übergießt. Mit Ketten dreht und wendet er das Tier hin und her, fährt mit den Ketten den Körper ab. Dumpf schlägt Metall auf Metall, die Ketten rasseln. Ratsch, ratsch, ratsch! So werden im ersten Schritt Haut und Haare entfernt. Mit  glockenförmigen Klingen zieht er noch die restlichen Überbleibsel ab. Das Wasser im Trog wogt. Er trägt keine Handschuhe fällt mir erst jetzt auf. Wie im Tanz fasst er die Vorderhaxe des Schweins, wachsfarben gegen seine eigene sonnengebräunte Haut. 

 

An den Fleischerhaken durch die hinteren Haxen wird das Schwein kopfüber aus dem Trog gezogen. Es baumelt sanft, während unter ihm eine tiefrote Lache wie ein unheilvoller Schatten wächst. Oliver flämmt es von oben bis unten ab. Das Wasser dampft noch von der bleichen Haut. Der trübe Tag scheint durch das Fenster, hüllt diese Taufe aus Wasser und Feuer in monochromatischen Dunst. 

Wie viel Leben steckt noch in dem Tier? Zirkuliert es noch in den Zellen? Pocht es noch in den Poren? Was mit den Augen nicht wahrzunehmen ist, verrät der Geruch: Es riecht nach Wurst, nach Fleisch. Und zum ersten Mal in meinem Leben bemerke ich den Unterschied, merke wie der Geruch nach Tier und der nach Tod sich zu etwas verweben, das ich kenne. Nur kann ich jetzt die beiden Elemente im Geruchsprofil “Fleisch” noch klar unterscheiden. Ich habe den Moment des Todes nicht gesehen, aber ich kann seine Präsenz jetzt riechen.

Die rote Anatomie des Tieres eröffnet sich uns, als Oliver es vom Unterleib her mit wenigen Axthieben auftrennt. Mit geschulten Handgriffen zieht er die bläulichen Gedärme heraus, pflückt die Organe aus diesem Schrank. Die Haut flattert leicht, wie ein Segel. Noch wenige Hiebe und er hat das Tier in zwei Hälften gespalten, die kurz mit Wasser abgebraust werden. Es gibt nun keine Geheimnisse mehr unter der Haut, kein Innen- und kein Außenleben. Nur zwei symmetrische Hälften von dem, was noch vor Kurzem ein Schwein war.

Vorhang fällt.

 

2. Akt: Ist das Kunst oder kann das weg? 

Einige Wochen später auf der Dachterrasse von Johannes Rass. Wiener Künstler, Anfang 30, aus gutem Hause. Er stellt zwei Espressotassen auf den Tisch. Von den verwilderten Basilikumsträuchern verirren sich immer wieder einige Bienen zu uns herüber.

2. Akt, 1. Szene: Bühnentier statt Rampensau

Johannes nimmt einen Schluck von der Tasse. 

Mia: Wann hast du eigentlich für dich beschlossen, dass du Künstler werden möchtest?

Johannes Rass: Mein Vater hat schon immer Bilder und Skulpturen gesammelt. Ich fand das witzig, aber das war für mich nicht ausformuliert. Das hat erst angefangen, als ich von meiner Arbeit in der Schweiz zurückgekommen bin und mir fad war. Da kam ich mit einem Freund auf die Idee, ein Tier wieder zusammenzubauen. 

Mia: Wie kam es dazu?

Johannes: Das hat schon viel früher als blöder Schmäh begonnen. Wir sind zusammengesessen, haben etwas getrunken. Das war noch zu meiner Maturazeit, als Oliver gerade mit seiner Ausbildung zum Fleischhauer begonnen hat. Natürlich hat uns das interessiert, es ist ja nichts Alltägliches, wenn ein 18-Jähriger sich dazu entscheidet. Er hat uns vom Schlachten erzählt und wir haben einfach rumgeblödelt und gesagt: ‘Stell dir vor, du nimmst das Tier auseinander, verkochst es und setzt es dann wieder zusammen.’ Wir haben uns köstlich amüsiert über diese Idee. 

Mia: Bis zur Umsetzung sind dann doch einige Jahre vergangen. Was war der entscheidende Auslöser dafür?

Johannes Rass: Ein Schlüsselmoment dafür war, dass besagter Freund und ich im Supermarkt neben einem Paar standen. Der Mann wollte etwas Bestimmtes kochen, aber er hat nicht nur zum falschen Produkt gegriffen, sondern gleich zum falschen Tier. Das war krass! Er wollte Rind und hat sich etwas vom Schwein genommen, weil er davon überzeugt war, dass er das hatte, was er wollte.

 

Mia: Weil da einfach nur willkürliche, anonyme Stücke in der Auslage liegen.

Johannes Rass: Weil du halt nur noch mehr diese anonymisierten Packerl hast. Du hast die Koteletts drinnen und keiner weiß mehr, was das ist. Woher kommt das? Der Zusammenhang vom Kotelett zum Fleisch, Tier, Muskel ist überhaupt nicht mehr da.

Mia: Wie sah dann die erste Umsetzung des Kunstprojekts konkret aus?

Johannes Rass: Ich habe mir überlegt, was ich für ein Gestell brauche, und wir haben uns ein Brathendl im Supermarkt gekauft, um damit zu experimentieren. Wir haben die ersten Gestelle aus Draht gebaut und dann immer weiter verbessert bis es funktioniert hat. Dann sind wir zum Oliver gefahren, er hat das Huhn geschlachtet und am nächsten Tag waren wir in einer Küche in Wien und haben das dort zusammengebaut mit allem Drum und Dran.

Mia: Wieviel von Hermann Nitsch steckt eigentlich im “Bühnentier”? War das auch ein Einfluss?

Johannes Rass: Nein, gar nicht. Also in der Grundidee überhaupt nicht, die war ganz weit weg von Kunst: Das war Schmäh. Und ich kann mich erinnern, dass ich auch wahnsinnig damit gehadert habe: Ist das eigentlich Kunst? Passe ich damit bei Kunst hinein? Ich habe spannenderweise auch erst angefangen, mich mit Kunst zu beschäftigen, als ich gemerkt habe, dass da Resonanz aus der Szene kam. Erst dann habe ich überlegt: Was mache ich jetzt? Wo führt das hin?

Mia: Also ist “Bühnentier” der Ursprung für dein künstlerisches Schaffen, das Erwachen?

Johannes Rass: In Wahrheit, ja. Im Sinne davon, dass ich mich in der Kunst wiederfinde. Ich bin nicht jemand, der mit dem Essen spielt und das projektmäßig macht, sondern ich bringe das unter dem großen Begriff Kunst unter.

Mia: Welche Bedeutung hat für dich der Titel “Bühnentier”?

Johannes Rass: Ich habe während dem Projekt mit dem Huhn wahnsinnig viel geschrieben und da ist dann das Stichwort Bühnentier aufgetaucht: Das Tier wird zur Bühne, weil ich es hernehme als etwas Nacktes, Rohes und ich ja etwas daraus mache. Es geht um den Akt der Zubereitung und diesen Aufwand, der betrieben wird, um aus etwas, das eh schon was ist, noch etwas Höheres, etwas Besseres, etwas Wohlschmeckenderes zu machen.

Mia: Ich hatte es als Anspielung auf die Inszenierung verstanden. Aber für dich ist das Bühnentier nicht das Tier auf der Bühne, sondern das Tier ist die Bühne. 

Johannes Rass: Das Tier ist die Bühne und im weiteren Sinne gebe ich dem Tier nochmal eine Bühne. Denn dieser Schritt findet ja so eben nicht statt: Normalerweise hast du das Tier, du schlachtest es und es verliert das Greifbare am Tier.

Mia: Es wird verdinglicht.

Johannes Rass: Genau, es wird zur Sache, zum Fleisch, zum anonymen Produkt. Wenn du jetzt irgendwo essen gehst und ein Schnitzel bestellst, dann ist das schon sehr weit weg vom Tier. Da war dann dieser schöne Gedanke: Ich belasse diesen Prozess und die Dekonstruktion findet statt, aber ich rekonstruiere es wieder, setze es noch einmal auf eine Bühne und präsentiere es dir nochmal als Tier an sich. Daher auch diese Inszenierung im Rahmen der klassischen Produktfotografie von etwas, das du so wieder darstellst, was aber eigentlich gar nicht mehr so ist. 

 

Mia: Wodurch der Kontrast wieder stärker wird. Weil du hast dann am Ende wieder das komplette Bild vom Tier, was ja etwas Lebendiges ist – oder war.

Johannes Rass: Das du dann auch auch so aufgepeppt, inszeniert wieder siehst, um es dir möglichst explizit vor Augen zu führen. Genau das ist das Konzept vom Bühnentier. Als ich über die Zubereitung geschrieben habe, kam ein Satz vor, der begonnen hat mit: “Ich mache dich zum Bühnenboden”. Das kommt aus diesem Akt des Zubereitens: Ich füge dir noch etwas hinzu, ich salze dich, zum Beispiel, oder ich füge dir noch Kräuter hinzu oder ich panier dich oder veränder dich, ich nehme dich und “verbessere dich”. Das –  Bühnenboden – das ist die Basis, das ist da und ich mache daraus mehr.

Mia: Das findet aber auch wieder auf zwei Ebenen statt: Die eine ist das Kochen, das Zubereiten, und die andere ist die ganze Inszenierung, wenn wir einen Schritt zurücktreten. Das Tier repräsentiert dann den Bühnenboden für dein künstlerisches Schaffen.

Johannes Rass: Ja. Beim ersten Schritt der Inszenierung, dem Zubereiten und Verkochen, geht es vor allem um die Absurdität, wie wir Dinge noch einmal bearbeiten, um den Genuss zu erhöhen. Dieses Genussvolle am Fleisch ist auch sehr wichtig für das ganze Projekt. Weil ich auch nicht in die Richtung gehen will zu sagen, Fleisch zu essen sei böse. Diese Polemisierung oder Politisierung des Projekts ist nicht mein Ziel. Es ging mir darum, es dahin zu stellen und zu sagen: “Schau, wie es ist, und du kannst daraus machen, was du willst.”

Mia: Ich finde, man kann die Analogie jetzt weiterspinnen und sagen, das Tier, dein Projekt, ist gleichzeitig die Bühne, für die Projektion der Ideologien oder Narrativen der einzelnen Menschen. Du ziehst quasi den Vorhang auf und sie werden mit ihrer eigenen Einstellung konfrontiert.

Johannes Rass: Genau. Und das ist eigentlich der spannende Punkt für mich, weil diese Resonanz an Meinungen und Reaktionen mich amüsiert. 

Mia: Inwiefern?

Johannes Rass: Ich finde das ja total spannend. Ich bin einfach sehr angetan von (Pause) nennen wir es, herausfordernden Situationen und menschlichen Konstellationen. Wenn ich merke, dass man an den Kern kommt, dann schaue ich besonders gerne sehr genau hin.

 

2. Akt, 2. Szene: Frankenschwein

Mia: Würdest du das als Provokation bezeichnen?

Johannes Rass: Nicht unbedingt. weil die reine Provokation nichts ist, was mir Befriedigung verschafft oder mich amüsiert. Da hätte ich das Gefühl, ich stelle mich in den Vordergrund. Es sind aber vielmehr diese Reaktionen, die ich sehr spannend finde. Ich hatte zum Beispiel eine Situation, bei der ich wirklich baff war. Als wir das Projekt das erste Mal bei Marco Simonis vor Publikum präsentiert haben, stand da eine Dame zwei Meter vom Schwein entfernt. Das Absurde war, dass sie unmittelbar nachdem wir gesprochen haben, gefragt hat: “Ist das echt?” Und ich habe dann am Anfang überhaupt nicht verstanden, was sie meinte, bis ich realisiert habe, dass sie nicht erkannt hat, dass es tatsächlich ein Schwein war. Sie hat gedacht, das Schwein sei aus Plastik und wir tun nur so! Das war eine Reaktion, mit der ich niemals gerechnet hätte.  

Mia: Wirklich interessant. Du durchläufst ja auch mit dem Schwein einen Prozess der doppelten Entfremdung, weil es zum Kunstobjekt wird. Es wird somit vom Schwein, also vom Subjekt, erst zum Fleisch- und dann zum Kunst-Objekt. 

Johannes Rass: Ja, und ich war baff. Weil ich nicht damit gerechnet habe, dass das so abstrakt ist, dass man es nicht mehr erkennt, selbst wenn es vor einem steht.

Mia: Wie weit hast du dich in diesem Kontext mit dem Thema Tierhaltung und Schlachtung allgemein auseinandersetzen müssen?

Johannes Rass: Ich habe zum einen sehr viel von Oliver gelernt, da er nicht nur Fleischhauer ist, sondern auch eine Landwirtschaftsschule in Niederösterreich besucht hat. Dieser Lernprozess fing schon bei den Fotografien vom Huhn an. Ich habe mir damals gedacht, dass es nicht schwer sein würde, eines zu bekommen. Aber du kriegst Fleischhühner aus der Produktionskette nicht raus. Wenn du zu einem großen Betrieb gehst, der Hühnerfleisch produziert, dann ist der Prozess so sehr automatisiert, dass er das nicht rausgeben kann – oder will. Natürlich will dort niemand herzeigen, wie das Huhn kurz vor der Schlachtung aussieht. Weil dieses Viech ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Monstrum, das ist ein fetter Fleischball und das sitzt einfach, weil es nicht stehen kann. Das Problem ist, dass diese Fleischhühner völlig überzüchtet sind: Sie wachsen so schnell, dass der Organismus nicht mehr nachkommt. Die haben kein Sättigungsgefühl mehr und man muss extrem aufpassen, wie viel man sie füttert. Dementsprechend können einige nicht mehr laufen oder der Kreislauf geht ein, wenn sie älter werden, als sie sollten. Die sterben dann von sich aus.

Mia: Ist es für dich wichtig, bei der Schlachtung mit dabei zu sein?

Johannes Rass: Ich mag diesen Voyeurismus nicht, beziehungsweise halte ich das auch für sehr gefährlich. Es war für mich auch ein großes Thema bei der Verfilmung zu vermeiden, dass man das aufbereitet und diese Schlachtung inszeniert. Sie ist notwendig, um überhaupt zu beginnen. Dementsprechend gehört sie dazu. 

Mia: Wie sehen denn die Reaktionen außerhalb der Kunstszene zum Projekt aus?

Johannes Rass: All die Leute, die mit dem zu tun haben und da beruflich involviert sind, Bauern oder Tierärzte, die sind da offen und unterstützen das Projekt, weil sie genau wissen, wie die Realität aussieht. Sie wissen, wo die Missstände sind. Der Konsument weiß das nicht.  Dabei würden die mündigen Konsumenten, es schon gerne wissen, aber es ist gar nicht so leicht, diese Informationen zu bekommen. Wenn ich Oliver nicht hätte, wüsste ich diese Dinge nicht. Da ist man wieder am Punkt, dass viel vom Handel gelenkt wird, weil diese Industrie kein Interesse daran hat. Die wissen um die Missstände und die absurden Geschichten, wie dass die großen Schweinebauern, die mehrere tausend Schweine haben, sich für den Eigenbedarf fünf Bio-Schweine halten. Die essen das Zeug, das sie selbst produzieren, nicht.

Vorhang fällt.

III. Akt: Behind the scenes

 

“Ich stelle das Kochen als Metapher für Kultur dar. Essen bedeutet, ein Lebewesen, egal ob Tier oder Pflanze, zu töten und zu verschlingen. Wenn wir das tote Tier oder den ausgerissenen Salat direkt verspeisen, werden wir als Wilde bezeichnet. Wenn wir allerdings das Tier marinieren, um es später mithilfe von Kräutern der Provence und etwas altem Weißwein zuzubereiten, dann haben wir eine exquisite kulturelle Handlung ausgeübt, deren Fundament gleichermaßen auf der Brutalität und dem Tod begründet ist.” (Manuel Vázquez Montalbán)

 

Es gibt Momente im Leben, da fragt man sich, wie genau man dort hinein geraten ist. Für mich kommt dieser Moment mitten in einem Speisesaal, geblendet vom Scheinwerferlicht. Und mit einem halben Schweinekopf in Händen. Ich sehe gleichzeitig die gelblichen Zahnreihen auf der Innenseite und die Hohlräume des Schädels, spüre die wachsartige Haut der Backe auf der Außenseite. Der Fleischgeruch ist überwältigend. Kurz lebt es wieder vor meinem inneren Auge auf: Die bebende Schnauze des Tieres noch vor wenigen Tagen, als es quicklebendig und zart aus dem Stall trat. Dieses Monstrum in meinen Händen hat damit nichts mehr gemeinsam. Ekel und Abscheu schlagen in meinem Magen Purzelbäume. Ich kann es einfach nicht ansehen. 

Dabei handelte dieses ganze Projekt für mich aber genau davon: Dem Hinsehen. Seit Jahren wollte ich eine Schlachtung begleiten und für mich selbst sehen, am eigenen Leib erfahren, ob ich diese Realität akzeptieren kann. Für jemanden, der von Essen und den Geschichten, Narrativen dazu fasziniert ist, kann der Weg nicht am Thema Tod vorbeiführen. Für jemanden wie mich, der Fleisch isst, sollte er das auch nicht. 

“Ich glaube, ich kann es nicht essen”, gestehe ich Johnny in einer der Drehpausen. Der letzte Schritt des Projekts, wenn die Skulptur fertiggestellt ist, der krönende Abschluss, ist ein Festessen. Wir essen unser Schwein. Aber ich spüre, dass etwas in mir umgeschlagen ist. 

 

Der erste Drehtag in der Küche verging wie im Flug, da Johannes mich gebeten hatte, ihm bei der Zubereitung des Fleisches zur Hand zu gehen. Während der Tag der Schlachtung sich wirklich um den Akt der Tötung selbst drehte und wir stille, andächtige Zuschauer waren, konnte ich mich hier in den Details des Settings verlieren: Die Küche, die Beleuchtung, das Make-Up, die verschiedenen Takes und Perspektiven, die Wiederholungen, die Taktung jeder Bewegung, die Stille und Konzentration aller Anwesenden, unsere Choreographie. Ich fühlte mich wohl beim Marinieren der Fleischstücke, unser Lachen begleitete die Outtakes. Das Theatralische und Inszenierte gepaart mit dem vertrauten Akt des Kochens ließen mein Herz höher schlagen. Das war künstlerisch, aber auch künstlich.

Das Zusammenfügen des Bühnentiers, dessen, was ein Schwein gewesen war, eine Hälfte roh, die andere gekocht, das ist etwas Anderes. Das Fett trieft und tropft. Die stählernen Stacheln des Gestells bohren sich durch die Fasern des Fleischs. Als dieses Ungeheuer Gestalt annimmt, wird immer mehr klar, dass das Schwein mehr als die Summe dieser Körperteile war. 

Als das Bühnentier fertiggestellt ist, stehen wir mit der gesamten Crew und den Gästen für das Dinner ringsum. Im Tageslicht und ohne die verdunkelnden Vorhänge erscheint es realer, gleichzeitig befremdlicher. Wir sind am Ende der Reise angekommen. Während ich noch mit mir hadere, ob ich vom Bühnentier essen kann, bietet sich mir ein unerwartetes Schauspiel: Einige der Gäste machen Selfies, während sie das Bühnentier auf die Schnauze küssen, jemand beißt den Ringelschwanz ab. Dieser Spieltrieb irritiert mich. Es macht mich traurig, dass unser Schwein nun so enden soll, als Entertainment. Dafür ist es nicht gestorben. Aber wofür ist es denn gestorben? Um gegessen zu werden? Und wenn ich nicht davon koste, war dieses Opfer dann umsonst?

Ich weiß, dass das Fleisch ausgezeichnet schmecken wird. Auf Olivers Bauernhof habe ich selbst gesehen, wie die Tiere dort leben. Als ich es auf dem Weg zur Schlachtung begleitet habe, hatte das Schwein nicht das geringste Anzeichen für Angst oder Stress gezeigt, so wie man es aus den unzähligen Videos von Tierschützern kennt, wenn Tiere jämmerlich kreischend, übel zugerichtet und zitternd zum Schlächter gebracht werden. Für die gesamte Schlachtung, das Reinigen und Zerlegen hat Oliver weniger als eine Stunde gebraucht. Das kam mir damals sehr kurz vor – umso erschreckender daher die Gegenüberstellung mit Großbetrieben, wo bis zu 250 Tiere [sic!] pro Stunde geschlachtet werden. Behaupte ich nicht immer, genau diese Art von verantwortungsbewussten Kleinbetrieben müsse man unterstützen, genau diese Art der Tierhaltung und der würdevollen Schlachtung? Wieso spüre ich dann diesen Widerstand? 

Also überwinde ich mich. Ich probiere das Schwein, unser Schwein. Es schmeckt fantastisch, aber etwas ist neu: Ich schmecke auch die Note, den Geruch, den ich bei der Schlachtung als Übergang vom Tier zum Fleisch identifiziert habe. Dasselbe wird sich wenige Tage später bei einem ausgezeichneten Four Hands Dinner im Thirsty Heart wiederholen. Der Tod ist für mich seitdem geschmacklich präsent.

Anhand des Bühnentier-Projekts habe ich auch angefangen, meine Narrative zum Thema Fleisch mehr in Frage zu stellen. Beim Schreiben musste ich mich etwa davon abhalten, von “unserem” Schwein zu sprechen, die Haxe zu einer “Pfote” werden zu lassen. Ich möchte mich als bewussten Konsumenten bezeichnen, esse selten Fleisch und kaufe es noch seltener, aus Prinzip nicht im Supermarkt. Aber weiß ich wirklich, wo es herkommt? Ist es einfach nur bequemer, die Verantwortung an den Metzger oder das Restaurant abzugeben? Ist es deswegen leichter, im Restaurant ein fertiges Gericht mit Fleisch zu bestellen, weil es dann quasi als eine Komponente im größeren Ganzen verschwindet? Seit meiner Begegnung mit dem Bühnentier habe ich also damit angefangen, auch in Restaurants nachzufragen: “Von wem bezieht ihr euer Fleisch?” Und unabhängig von der Antwort stelle ich mir beim Durchblättern des Menüs immer öfter die Frage: Schwein oder nicht Schwein?

Das Bühnentier

Bühnentier "Saehrimnir I", © Johannes Rass / Fabian Gasperl (Fotograf) 2018: Maße: 150 x 100 cm, Direktdruck auf Acryl 4mm plus 3mm Dibond, Auflage: 3+1AE.

Die Rekonstruktion eines Gedankenkonstrukts

Worte: Mia Schlichtling
Bilder: Johnny What Photography

Weitere Information unter:

Johannes Rass
Daniel Leskowscheck
Oliver Geißbüchler

Besonderer Dank an die gesamte Crew:

Director auf Photography: Jakob Grill
2nd Unit DOP, Assistant of Camera: Manuel Leitner
Gaffer: Simon Valderrama
Grip: Konstantin Weilinger, Max Hofko
Produktionsassistenz: Lukas Nistelberger
Maske: Petra Plisch
Score: Paul Plut

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