teller-story Mariane Leyacker-Schatzl Eisperle by Johnny What Photography

Die Spitze des Eisbergs

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Von wegen eiskalt – Warum die Erfolgsgeschichte der Eisperle zum Dahinschmelzen ist

 

„Wir haben leider noch nicht geöffnet“, entschuldigt sich Mariane Leyacker-Schatzl, als gefühlt der fünfte Kunde die Tür zur Eisperle öffnet. Es ist neun Uhr morgens und die Grazer verspüren wohl schon zum Frühstück Lust auf eine ihrer Eiskreationen. Aber überrascht das noch wirklich angesichts der Wiedereröffnung Anfang März? Tatsächlich ließen es sich die Stammkunden trotz unerwarteten wie ebenso unerbittlichen Minus 16 Grad nicht nehmen, dick in Mantel und Schal gewickelt, endlich wieder ein heiß ersehntes Eis von Mariane zu genießen.

 

(K)ein Kinderspiel

Es wird wohl kaum ein Kind geben, das kein Eis liebt. Bei Mariane grenzte diese Liebe allerdings – in eigenen Worten – an „Besessenheit“: Sämtliches Taschengeld investierte sie schon von klein auf direkt in die köstliche Erfrischung in Kugelform – besonders gerne in ihren All-time-Favourite Haselnuss. Dabei wünschte sie sich nichts sehnlicher als magische Kräfte, um aus der einen Kugel mehrere zu zaubern und so eine nicht enden wollende Menge an Eis genießen zu können. „Wenn meine Mutter mir damals gesagt hätte, dass ich einmal selbst Eis machen würde, hätte ich es ihr sofort geglaubt“, lacht sie angesichts der Erinnerung.

Heute hat die gastronomische Quereinsteigerin ihren Kindheitstraum erfüllt und beglückt mit ihren einfallsreichen Kreationen die Grazer Innenstadt. Dazu hat sie eine Eisfachschule in Deutschland besucht, um selbst das Handwerk des traditionellen Gelato zu erlernen. Und das offensichtlich mit Erfolg: Nach nur einer Saison wird sie 2017 als Unternehmerin ausgezeichnet, hat inzwischen auf 14 Angestellte aufgestockt und plant einen weiteren Standort für ihr Start-up. Wartezeiten von bis zu 40 Minuten für ein Eis und geduldige Schlangen bis quer über die Straße sprechen ebenfalls für sich und bezeugen die schier unerschöpfliche Nachfrage. Aber was spielend leicht aussieht, ist in Wirklichkeit nur die Spitze des Eisbergs. Denn der Erfolg kommt nicht von ungefähr.

Eiskalt kalkuliert?

„Das schmeckt gut, aber ich will mehr: Mehr Nuss. Mehr Schokolade. Mehr Erdbeere“, steht für Mariane schon in der Eisfachschule fest. Von den belehrenden Worten der Eismacher, dass sich der höhere Produkteinsatz nicht rechnen würde, lässt sie sich nicht beirren. „Ich bin mir sicher, wenn der Kunde den Unterschied schmeckt, ist er auch bereit, mehr dafür zu zahlen“, hält sie an ihrer Vision fest.

Gesagt, getan: Nach der theoretischen Ausbildung an der Eisfachschule und mit dem Know-how für klassisches Gelato ausgestattet, macht sich Mariane daran, ihre eigenen Rezepturen zu entwickeln. Dafür zieht sich die gebürtige Wienerin zwei Jahre lang täglich in die heimische Garage zurück und experimentiert. Gar nicht so leicht, denn als ehemalige Finanzcontrollerin ist sie eine absolute Quereinsteigerin. Hinzu kommt, dass Mariane zu diesem Zeitpunkt zum zweiten Mal Mutter wird. So bleibt zum Tüfteln nur Zeit, nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hat, abends, mit einer dicken Jacke gegen die Kälte in der Garage gewappnet. „Ich spüre wirklich ein inneres Treiben in mir. Das spornt mich an und gibt mir eine unglaubliche Befriedigung. Manchmal liege ich nachts wach und denke dann noch an alle möglichen Kombinationen und Rezepte“, beschreibt sie ihre scheinbar grenzenlose Motivation.

Von Anfang an bezieht sie auch ihr Umfeld in das Projekt mit ein: „Meine Nachbarn, Freunde und Familie haben einen Fragebogen von mir bekommen und anhand dessen das Eis beurteilt.“ Dieses Feedback ist wichtiger Input und eine Quelle der Inspiration für sie: „Ich bekomme viele Vorschläge von den Kunden, aber ich bin auch sehr oft am Lendplatz oder Kaiser-Josef-Markt und höre sehr gerne die Meinung der Marktfrauen. Auch die Farben spielen bei der Entwicklung eine wichtige Rolle, genauso wie die Harmonie zwischen Säure und Süße“, erklärt Mariane.

Unwiderstehliches Eis: Die intensiven Farben in den pozzetti lassen die kraftvollen Aromen auf den ersten Blick erahnen.

Trotz unerwarteter Hindernisse wie der nicht enden wollenden Suche nach der idealen Location lässt sie sich nicht beirren oder von ihrem Weg abbringen: „Ich muss ehrlich sagen, ich hatte nie Angst. Ich hatte immer die Zuversicht, dass das, was ich tue, richtig ist. Angst lähmt, man kann nicht frei denken, wenn man Angst hat. Das Gefühl von Freiheit hingegen pusht mich und gibt mir wirklich viel Energie. Natürlich habe ich während der Umbauphase extremen Druck gespürt und Zweifel gehabt, ob das wirklich so ankommen würde, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ob die Kunden diese Qualität zu schätzen wissen oder billigere Alternativen vorziehen würden. Natürlich war da auch der Druck, es denjenigen zu zeigen, die bei diesem Projekt mitgeholfen haben. Die Zuversicht hat dann aber doch gesiegt.“ Dank ihrem Mut und Durchhaltevermögen kann sie nach vier arbeitsreichen Jahren der Vorbereitung ihre Vision Wirklichkeit werden lassen und die Eisperle 2017 endlich eröffnen.

Eisdealer aus Leidenschaft

Der Name der Eisdiele gibt ihre eigene Philosophie auch perfekt wieder: „Eine Perle ist das Kostbarste der Muschel. Wenn ich mein Eis produziere, will ich das Beste und Kostbarste aus den Produkten herausholen. Auch im Corporate Design reduziere ich mich daher ganz auf das Wesentliche: das Produkt.“

Die Rohstoffe für die eiskalten Hingucker in ihren insgesamt 14 pozetti werden deshalb sorgfältigst ausgewählt. Saionales, pflückreifes Obst vom Biohof Fattinger, das Beste, das die Märkte hergeben, und frisch gerösteter Kaffee der Nachbarcafés finden ebenso ihren Weg in die Eismaschine wie lokaler Gin und bestes Fevertree Tonic. Dabei wird besonders viel Wert auf Handarbeit gelegt: Zeitintensiv werden Zitrusfrüchte selbst ausgepresst, vegane Kuchen gebacken, Fruchtsaucen gerührt und salziges Karamell geschmolzen, wie eine Brandnarbe an Marianes Unterarm beweist.

Wem das alles zu süß klingt, dem sei versichert, dass auch der gesundheitliche Aspekt dabei nicht zu kurz kommt. Die gebürtige Wienerin verwendet alternative Süßungsmittel wie Agave, Kokosblütenzucker – oder eben auch die natürliche Süße der reifen Früchte. Denn angesichts der 80 Prozent Fruchtanteil würden ihre alten Lehrmeister an der Eisfachschule sicherlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen!

 

Das Endprodukt spricht für sich selbst und rechtfertigt den hohen Aufwand. Denn es duftet! Und das obwohl Kälte für gewöhnlich die Ausdrucksstärke der Aromen mindert. So ist es kein Zufall, dass eine Symphonie von Düften die Passanten von der Straße weg in die Eisperle lockt und auch die Nachbarn ihrer Nase schnurstracks zu ihr folgen. Ob Mariane sich hätte träumen lassen, dass sie eines Tages zur Eisdealerin werden würde? „Unsere Nachbarn sind unsere Stammkunden. Oft klopfen sie bei unserem Hinterraum ans Fenster, wenn sie nur kurz Pause machen und nehmen direkt ein Eis mit“, freut sich die erfolgreiche Unternehmerin.

Nebenbei vegan

So selbstverständlich ist der Erfolg allerdings nicht. Denn die Eisperle serviert ausschließlich rein veganes Eis. „Warum kann ich nicht etwas Tolles, Leckeres machen, das nicht mit Tierleid verbunden ist und hinter dem auch wirklich Qualität steckt?“, war der Gedanke hinter der Gründung. Mariane lebt selbst schon seit Langem vegan und hat sich in ihrer Jugend aus Überzeugung aktiv für den Tierschutz eingesetzt.
„Die Eisperle konzentriert sich nicht nur darauf, dass sie vegan ist, sondern es geht darum, dass wir mit hochwertigen Rohstoffen das Eis verarbeiten.“ So kommen beispielsweise nur ausgewählte Haselnüsse aus dem Piemont in die (Eis-)Tüte. Aber auch bei anderen Ressourcen wird nicht gespart: Die Becher sind recyclebar, die Löffel aus Maisstärke und viele Produkte werden möglichst verpackungsfrei bezogen.
Doch statt diese nachhaltige Philosophie an die große Glocke zu hängen, spricht der Geschmack hier für sich und hat eine große Fangemeinde aus überwiegend Nicht-Veganern gewonnen. Der Anspruch dahinter ist nachvollziehbar: „Ich würde meinen Kindern selbst nie ein Eis geben, von dem ich nicht überzeugt bin oder nicht weiß, was darin ist. Da ich sehr darauf achte, beschäftige ich mehr mit den Rohstoffen und tauche viel tiefer in die Thematik ein“, erklärt die zweifache Mutter. Und was meinen ihre Kinder dazu? Ein bisschen Stolz schwingt in ihrer Stimme mit: „In der Schule sagen sie immer: ‚Meine Mama macht das beste Eis!‘“

Mariane Leyacker-Schatzl lässt in der Eisperle ihre Vision Realität werden.

Es scheint fast so, als würden die verschiedenen Stränge aus Marianes Leben in der Eisperle authentisch zusammenlaufen und Frucht tragen. Tatsächlich strahlt sie in ihrem eigenen Reich eine unglaubliche Ruhe aus, ihre blauen Augen leuchten sanft, wenn sie von ihren Anfängen erzählt. Ist sie nun in der Eisperle angekommen? „Ich gehöre hier hin und ich liebe es! Natürlich ist es harte Arbeit, aber wenn ich nachhause gehe, habe ich nicht das Gefühl, dass ich arbeite, sondern vielmehr, dass ich ein Gestalter bin. Wenn ich etwas umsetze, sei es das Eis oder etwas Anderes, dann habe ich das Gefühl, dass ich meinen eigenen Weg gestalte. Deshalb bin ich selbstständig geworden. Einfach damit ich Dinge machen kann, wie ich sie mir vorstelle.“

Mariane lebt vor, wie man mit dem unerschütterlichen Glauben an sich selbst, seinen Traum Realität werden lassen kann. Wie sie zeigt, braucht man dafür vielleicht mehr Geduld, als man ursprünglich vermutet hatte, ein tiefes Vertrauen in die eigene Vision. Und man darf auch keine Angst davor haben, neben einer Menge Arbeit, eine noch größere Portion Herzblut in das Projekt zu investieren. Denn nur so kann aus einem winzigen Sandkorn eine prächtige Perle werden.

Eisperle

Worte: Mia Schlichtling
Bilder: Johnny What Photography

Vielen Dank fürs Lesen! Mehr Informationen findest du unter:

www.eisperle.at

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